Hingewunderte Menschengestalt

Dora Sand, Aschendorf, 30.08.1940

Daniel Paul Schreber ist der einzige Mensch, der weiß, was eine hingewunderte Menschengestalt ist. Er kann es aber Niemandem sagen - sobald er es versucht, geht Alles durcheinander; er stammelt; sein Blick steckt im Leeren; er riecht nach Rosen und aus seinem Mund geht ein feuchter Nebel; manchmal zuckt die Oberlippe; oder es blitzt die Manschette; oder es geht die ganze Ordnung zu Grund.

 

Das macht mir Angst.

 

Als im August 1940 ein scharfes Knistern über das Feld ging und mir das Gelenk schmerzte, weil die drei Seherinnen sahen, was ich nicht sah - da kam ein graues Kind, zusammengesunken in den Armen einer Gestalt, die barfuß nicht laufen konnte auf dem stoppligen Feld und immerzu hinfiel; die das graue Kind wie eine Fackel am gestreckten Arm in den Himmel hielt; eine Amme oder eine Mutter.

 

Vielleicht waren das hingewunderte Menschengestalten?

 

“Da Katichini, da Katichini!”, rief heisern das graue Kind.

Mir schmerzte der Kopf; es roch nach Rosen und das Kind war weg.

 

Der Kommissar, der mich am nächsten Tag in Aschendorf zum Vorgang verhörte, hieß Hermann; er trug eine Rose im Knopfloch und stank nach Bier. Die eidesstattliche Erklärung, in der ich den Ruf des grauen Kindes bezeugte, unterzeichnete ich am 30. August 1940; das war ein Freitag.

 

Und obwohl Hermann gezittert und geschwitzt hat, bin ich auf dem Foto, das er für die Polizeiakten von mir aufgenommen hat, recht hübsch getroffen.